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Mäkelä

Tomi Mäkelä

„Sibelius in the Making“

Das Jahr 2011 ist ein wichtiges Sibelius-Jahr: Im April waren hundert Jahre seit der Erstaufführung der vierten Symphonie a-Moll op. 63 im Festsaal der Universität Helsinki unter Sibelius’ Leitung vergangen. Dieses Werk steht in vieler Hinsicht (nicht nur numerisch) im Mittelpunkt seines Schaffens. Im September 2007 wurde an den Tod des fast zweiundneunzigjährigen vor fünfzig Jahren gedacht. Bis 2015 müssen wir noch warten, bevor die Eckdaten seines Lebens Anlass zum neuen Gedenkjahr geben. Dann aber werden im Dezember gleich hundertfünfzig Jahre seit seiner Geburt vergangen sein.

Ein echter Sibelianer wird meinen, dass jedes Jahr im Grunde ein Sibelius-Jahr ist, denn jedes Jahr entdeckt ein Meloman, der sich intensiv mit dem Komponisten und seinem Werk beschäftigt, etwas Neues und Wesentliches, das dem Leben wieder einen neuen Sinn gibt. Ja, genau darum geht es uns täglich: um Sinnfindung. Friedrich Schiller meinte im zentralen fünfzehnten Brief „über die ästhetische Erziehung des Menschen“, dass, „um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“. Schillers Gedanke erschien in der Zeitschrift Die Horen 1795. Daraus leiten wir Musiker den Sinn des Lebens im instrumentalen Spielen ab, und ich glaube, dass sowohl ich als auch zwei andere in Berlin ansässige ehemalige Schüler des Pianisten Rauno Jussila, nämlich die beiden Tastenprofis Sami Väänänen und Terhi Dorstal née Jääskeläinen, zumindest dies bereits in unserer Kindheit, bei unserem gemeinsamen Lehrer in Lahti intuitiv verstanden haben, obwohl das Finnische so ungelenkig mit dem Begriff des Spieles umgeht und keinen Oberbegriff für die unzähligen Spielarten des Menschen besitzt. Doch der Liebhaber spielt nicht Klavier oder Violine, sondern (auch das à la Schiller) mit Wahrnehmungen und Gedanken, zu denen große Komponisten und andere Künstler uns so raffiniert inspirieren. Das ist für mich einer der Unterschiede zwischen Kunst und Unterhaltung.

2011 ist mein ganz persönliches Sibelius-Jahr, denn im November erschien die englische Ausgabe von Jean Sibelius. „Poesie in der Luft“. Studien zu Leben und Werk (Breitkopf 2007) beim englisch-amerikanischen Boydell-Verlag. Aber es passierte noch mehr. Im August durfte ich in New York das legendäre Bard Festival besuchen und mitgestalten, wo Leon Botstein mit dem American Symphony Orchestra am Bard College ein großes Sibelius- und Finnland-Festival durchführte. Über dieses Fest wurde in Finnland kaum berichtet, obwohl prominente finnische Künstler und Kenner eingeladen waren und Matti Ahtisaari als Schirmherr diente. Man sollte sehen, dass das Festival zwar am Hudson River außerhalb von New York City stattfindet, aber insbesondere auch von einer Bildungselite Manhattans frequentiert wird und in seiner Einmaligkeit US-weit anerkannt ist. Die New York Times berichtete ausführlich.

Botstein machte kein Geheimnis daraus, dass sein Festival durch „Poesie in der Luft“ inspiriert war, was aus dem Besuch für mich ein besonders aufregendes Ereignis machte. So viel Ehre erlebt ein Musikwissenschaftler selten. Zudem hatte Botstein über das Festival hinaus sowohl in Wittnessing Music History (The Musical Quarterly 64, 2, April 2011) als auch in öffentlichen Diskussionen und Interviews seine Begeisterung für das deutsche Buch mehrfach zum Ausdruck gebracht. Damit war klar, dass die englische Ausgabe gute Chancen haben würde, der Wirtschaftskrise zum Trotz nicht im Schatten anderer, existenzieller Ereignisse zu bleiben. William Shakespeare meinte vor langer Zeit: „All’s Well That Ends Well.“ In der Tat bedeutet erst die englische Ausgabe von „Poesie“ unter dem schlichten Titel Jean Sibelius das überaus glückliche „Ende“ eines langen und zeitweilig etwas aufregenden Projekts. Als Insider der Sibelius-Gesellschaft mich irgendwann im Frühjahr 1998 zum ersten Mal fragten, ob ich Lust hätte, ein „kleinformatiges“ deutsches Sibelius-Buch zu schreiben, war mir insgeheim klar, dass ich es nur tun möchte, wenn ich dabei nicht nur an die deutschsprachigen Leser denken müsste. Das Format dürfte nicht ganz klein sein und ich sollte die Zweifel an dem sogenannten „Biographismus“, die bereits mein Doktorvater Carl Dahlhaus artikuliert hatte, berücksichtigen dürfen. Mir lag sehr viel daran, schnell vorwärts zu kommen. Bereits 2003 reichte ich die erste Fassung (ohne lange Fußnoten, die 2005 dazu kamen) ein – in der begründeten Hoffnung, dass das deutsche Buch lange vor dem großen Sibelius-Jahr 2007 erscheinen könnte und zum Gedenkjahr bereits als englische Ausgabe vorliegen würde. Mir wurde bald klar, dass mein Zeitplan nur die verrückte Vision eines Autors war. Zwischenzeitlich erschienen in Deutsch andere Sibelius-Bücher, weitere wurden konzipiert. Ich ließ meinen Sibelius nolens volens liegen, zumal ich ohnehin auf Feedback wartete, und versuchte mich durch andere Pflichten, unter anderem die Erstellung der deutschen Fassung meiner Helsinkier Habilitationsschrift, die unter dem Titel Klang und Linie bei Peter Lang erschien, abzulenken. In Vorträgen und Essays bastelte ich nur noch ganz vorsichtig an meinem Sibelius, der verloren schien. Gewiss stand Sibelius eigentlich gar nicht im Fokus meiner bisherigen Interessen. Ich kam von der Konkurrenz, hatte viel mehr über Komponisten wie Schönberg und Strawinsky geforscht und mich (unter Professor Horst Weber bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft) den Nachlässen der nach Kalifornien nach 1933 geflüchteten jüdischen Musiker gekümmert. Wie auch immer, es gab also eine Phase der Verunsicherung, die bis zu den ersten begeisterten Rezensionen im Frühjahr 2007 (allen voran Albrecht Thiemann in der renommierten Opernwelt, wobei Sibelius nicht einmal als Opernkomponist bekannt ist) dauerte. Bald hagelte es nur noch gute Besprechungen aus aller Welt. Das Buch wurde von mehreren deutschen Musikkritikern für das beste Musikbuch des Jahres 2007 gehalten, sogar die ungewöhnlich langen Fußnoten fanden lobende Erwähnung. Es war eine verrückte Zeit, und ich gewöhnte mich an die öffentliche Aufmerksamkeit. Tageszeitungen wie Frankfurter Rundschau und Süddeutsche Zeitung, die – im Gegensatz zur FAZ – keine Tradition als Sibelius-begeisterte Feuilletons hatten, reagierten enthusiastisch. Das unerwartet große Interesse gipfelte 2008 in dem Übersetzungs-Förderpreis „Geisteswissenschaft international“, den so gut wie nie Musikbücher, zumal zu deinem nicht deutschen Thema, erhalten.

Bei mehreren deutschen Rundfunkanstalten (WDR, ORF, NDR, RBB, DLF usw.) redete ich 2007 stundenlang über Sibelius und mein Buch. Auch in Finnland war das Jahr 2007 für mich ein Jahr des Medienrausches, zumal ich noch ein zweites, ganz kleines Buch über Sibelius und die Finnen bei einem renommierten Verlag veröffentlicht hatte (Sibelius, me ja muut, Helsinki: Teos 2007). Das finnische Buch schrieb ich im Frühjahr 2006 in Paris als Gastprofessor der EHESS, während die zweite Fassung von „Poesie in der Luft“ vom Verlag begutachtet wurde. 2007 lief beim finnischen YLE das ganze Jahr über wöchentlich meine Radiosendung über Sibelius. Ich gab TV-Interviews (an einem Morgen gleich bei zwei Sendern), drehte für MTV3 mit dem genialen Kari Lumikero zwei Kurzfilme (in Berlin und Italien). Ilkka Ahtiainen schrieb sogar für Helsingin Sanomat ein spannendes Interview usw. usf. Der Erfolg hatte jedoch seinen Preis: 2008 folgte die „Episode V“. Vom „typisch deutschen“ Blickwinkel und von „latentem Schwedenhass“ schrieben zwei Kollegen, und das war nicht nett gemeint. Auf den „deutschen Blickwinkel“ konnte ich noch stolz sein, auf das andere Attribut nicht, zumal ich gleichzeitig ein Buch über Fredrik Pacius bei der Svenska litteratursällskapet i Finland in Produktion hatte. Solche Angriffe waren für viele durchsichtig, aber ganz ohne Wirkung blieben sie trotzdem nicht.

Die Schwierigkeiten vermehrten sich leider auch an anderen Orten. Der vorgesehene englische Übersetzer von „Poesie in der Luft“ hatte auf einmal ganz andere Projekte und musste absagen. Es sah so aus, als würde das Übersetzungsvorhaben scheitern, was ein Riesenskandal angesichts des seltenen Preises gewesen wäre. Nur mit Hilfe einiger erfahrener Kollegen konnte ich schnell genug einen fähigen, jung-dynamischen und sachkundigen Übersetzer finden und dem englischen Verlag anbieten: Steven Lindberg. Nie werde ich das erste Telefonat vergessen, das ich mit ihm auf der Terrasse der Åbo Akademi in Turku, wo ich gerade an Friedrich Pacius forschte (das Buch erschien beim Svenska Litteratursällskapet 2009; eine deutsche Ausgabe wird bald folgen), führte. Wir haben uns gut verstanden und waren davon überzeugt, dass wir gemeinsam ein tolles Buch machen könnten.

Angesichts der anderen englischsprachigen Buchprojekte der Zeit unmittelbar nach dem Erscheinen von „Poesie in der Luft“ war entscheidend, dass es mir von Anfang an wichtig gewesen war, in jedem Abschnitt Archivquellen hervorzuheben, die anderen Sibelius-Autoren aus unterschiedlichen Gründen weniger relevant erschienen. Tatsächlich wunderte ich mich über die Schätze (meistens deutschsprachig) in den gängigen Sibelius-Archiven: offenbar hatten meine Vorgänger nach anderem gesucht und das nicht gesehen, was ich dort sah. Ich machte einige erstaunliche Entdeckungen und stellte Fragen, die ich aus anderen Bereichen der Musikwissenschaft kannte. Und: die ganze Zeit schrieb ich weder für deutsche noch für finnische Leser, sondern für alle. Ich könnte das sogar noch etwas pointierter formulieren: ich schrieb insgeheim auch für Kollegen, die vor der Lektüre des Buches eine aus mir bekannten und nachvollziehbaren Gründen skeptische Haltung gegenüber einem populären Komponisten des Nordens haben würden. Ich wollte mit dem Buch das Sibelius-Publikum radikal erweitern. Nur deshalb organisierte ich im September 2007, gemeinsam mit Dr. Peter Kislinger, der mein Anliegen sofort verstand, ein Fest für das neue Buch im Wiener Arnold Schönberg Center. Während der Arbeit an den Quellen hatte ich ungeheuer fruchtbare Gespräche mit etablierten Kennern des Materials, etwa mit Gitta Henning, die die schwedischsprachige Ausgabe von Tawaststjernas Sibelius-Set vor wenigen Jahren produziert hatte; mit Fabian Dahlström, Glenda Dawn Goss, Jukka Tiilikainen und Timo Virtanen verstand ich mich ausgezeichnet und wurde speziell von ihnen durch die Sibelius-Archive getragen und überhaupt bevorzugt behandelt. Aber ich blieb trotzdem der mehrfache Quereinsteiger, der Ruhelose und Unbeständige: ein Pianist, der Musikwissenschaftler geworden, der Musikwissenschaftler, der Musikkritiker geworden und last but not least der Finne, der quasi Deutscher geworden war.

Während der Übersetzungsarbeit wurde fast jede Ziffer dreimal ungedreht. Nun hieß es ja bereits zu „Poesie“ (wie Professor Derek B. Scott 2008 formulierte): „This book is superb; it should become a classic work.“ Oder wie Professor Leon Botstein spontan schrieb: „I have rarely encountered such a sophisticated and perceptive analysis [...].“ Und sogar Edward W. Clark von der UK Sibelius Society schrieb in den Mitteilungen der Gesellschaft, dass dieses Buch „written in German by a Finn“ dringend übersetzt werden müsse. Solche Meinungen machten Mut; nun ging es darum, die Erwartungen zu erfüllen oder gar zu übertreffen. Das Erscheinen des Buches war im ungewöhnlichen Maße sicher – ganz und gar anders als im Falle der „Poesie“.

Auch wenn sich das Projekt insbesondere nach 2005 von den Gefilden der Jean Sibelius Gesellschaft zunehmend (und notgedrungen) verselbständigte, vergaß ich nicht, dass die ursprüngliche Initiative in München geboren worden war und dass mich dort, in den Räumen der Bayerischen Staatsoper, der legendäre Hanspeter Krellmann als erster mit der zunächst verrückt wirkenden Idee konfrontierte (wahrscheinlich war es überhaupt seine Idee). Dr. Krellmann war wohl der eigentlich vorgesehene Autor gewesen, aber zu meinem Glück fühlte er sich nicht wirklich berufen. Er hatte eine Vision von einem Sibelius-Buch, das er aus verschiedenen Gründen nicht schreiben mochte. (Ich meine mich zu erinnern, dass er – ähnlich wie der inzwischen verstorbene Harvard-Professor Reinhold Brinkmann in einem ZDF-Gespräch – die Frage nach den heiklen Sprachkenntnissen hervorhob. Also war auch er der Ansicht, dass das neue deutsche Buch auf der Basis von unveröffentlichten, taufrischen Originalquellen in Finnisch und Schwedisch entstehen sollte; dabei ahnte er nicht, dass die interessantesten unveröffentlichten Quellen in deutsche Sprache sind!) Ich war auch immer sehr stolz darauf, dass jemand so ungeheuer erfahrener Mensch wie Dr. Max-Peter Hirmer von der Sache überzeugt war und blieb: Sein überraschender Besuch im Wiener Arnold Schönberg Center, wo die „Poesie“ im September 2007 gerade vorgestellt wurde, war genau so unauffällig wie unvergesslich.

Schließlich will ich Dr. Frank Reinisch dafür danken, wie tolerant er (im Auftrag der Leitung des Verlags Breitkopf & Härtel, insbesondere Gottfried Möckel und Lieselotte Sievers) mit dem im ersten Moment für viele sicher überraschenden Konzept des Buches letztlich umging, ohne zu versuchen, mich von etwas anderem zu überzeugen. Und schließlich war es auch dieser Verlag, der das Buch für den Preis „Geisteswissenschaft international“ vorgeschlagen und dafür gesorgt hat, dass das Projekt – genau wie von mir selbst ursprünglich erhofft – nach circa dreizehn Jahren Arbeit mit einer englischen Ausgabe abgeschlossen werden konnte. (Berlin, November 2011)

Tomi Mäkelä arbeitet seit 2009 als Professor für Musikwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Das dortige Institut für Musik zählt ggw. zu den wichtigsten Ausbildungsstätten im Fach und bildet sowohl Wissenschaftler als auch Pädagogen und Künstler aus. Siehe:
http://www.musikwiss.uni-halle.de/kontaktinformationen/mitarbeiterinnen/maekelae/.

 

 
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